Viele Puzzleteile und die Flanierfähigkeit

Am Freitagnachmittag haben sich die Parlamentarier aller Fraktionen bei winterlichem Schneeregen unter der Leitung von Frau Holz (Freischlad + Holz, Herwarth + Holz), zusammen mit der Verwaltung und den Fachbüros NH Projektstadt (Frankfurt am Main), Junker und Kruse (Dortmund) sowie der Nahverkehrsgesellschaft traffiQ (Frankfurt am Main), in der (etwas zu stark) klimatisierten Hugenottenhalle getroffen. Auf dem Plan stand ein vierstündiger Workshop zur Bestandsaufnahme und Planung der nächsten Schritte im Projekt Stadtumbau getroffen.

Einleitend hat Herr Eckerth-Beege von NH Projektstadt die bisher eingereichten Förderanträge und den Stand der Genehmigung und Umsetzung zusammengefasst. Tatsächlich ist bisher einiges an Förderanträgen gestellt und genehmigt worden.

Beispielhaft sei hier nur genannt (Förderbetrag, Jahr der Antragstellung):

  • Voruntersuchung zur Umgestaltung der Straßen und Wege im Alten Ort (25.000 Euro, 2018)
  • Beleuchtung Alter Ort (330.000 Euro, 2018)
  • Machbarkeitsstudie Alter Ort (30.000 Euro, 2019)
  • Planungsleistung Straßen und Wege im Alten Ort – barrierefreies Straßenpflaster (200.000 Euro, 2019)
  • Aktualisierung Gestaltungssatzung Alter Ort (40.000 Euro, 2020)
  • Umsetzung barrierefreies Straßenpflaster Alter Ort (2.000.000 Euro, 2022)
  • Kaiserpassage (30.000 Euro, 2019)
  • Voruntersuchung Hugenottenhalle und Stadtbibliothek (200.000 Euro, 2019)
  • Planungsleistungen zur Hugenottenhalle und Stadtbibliothek (300.000 Euro, 2020; 300.000 Euro, 2021)
  • Bautechnische Untersuchungen Hugenottenhalle und Stadtbibliothek (200.000 Euro, 2020)
  • Gestaltungsfibel für den Straßenraum Frankfurter Straße (30.000 Euro, 2019)
  • Gestaltungsfibel Anreizprogramm und Umsetzung (300.000 Euro, 2020)
  • Umsetzung Gestaltungsmaßnahmen Frankfurter Straße (200.000 Euro, 2020)
  • Voruntersuchung Smart City-Konzept Gesamtstadt (25.000 Euro, 2019)
  • Erstellung Verkehrskonzept (200.000 Euro, 2019)
  • Parkraumkonzept (50.000 Euro, 2019)
  • Erstellung eines Grün- und Pflegekonzepts für den öffentlichen Raum inklusive blauer Infrastruktur (120.000 Euro, 2020)
  • Gestaltungshandbuch Innenstadt (110.000 Euro, 2020)
  • Untersuchung und Konzeption zur Aufwertung zentraler Versorgungsbereich (100.000 Euro, 2020)
  • Marketingkonzept Innenstadt Einzelhandel und Gastronomie (wird ohne Fördermittel umgesetzt)
  • City-Manager (25.000 Euro, 2022)

Diese unvollständige aber dennoch beeindruckend lange Liste macht gleich mehrere Dinge deutlich. Erstens: Für die verschiedenen Maßnahmen vergeht von Förderantrag bis zum Umsetzungbeginn eine relativ lange Zeit. Zweitens kommen ganz schöne Summen zusammen und drittens, die Maßnahmen bestehen zu einem großen Teil aus Planungen, Untersuchungen, Studien und Analysen, das heißt trotz intensiver Arbeit am Stadtumbauprogramm durch die Verwaltung, die Fachbüros und das Parlament, gibt es in der Stadt noch nicht so viel an Veränderung zu beobachten.

Zusätzliche Komplexität im gesamten Stadtumbauprogramm entsteht dadurch, dass sich verschiedene der vorgesehenen Maßnahmen gegenseitig beeinflussen und aufeinander abgestimmt werden müssen. Eine attraktive Innenstadt kann nicht ohne den Verkehr gedacht werden und muss städtebaulich attraktive Räume aber auch einen lebendigen Einzelhandel und Gastronomie oder auch kulturelle Angebote bieten. Einzelhandel und Gastronomie können sich aber nur erfolgreich entwickeln wenn die Erreichbarkeit gegeben und der Stadtbummel attraktiv ist. Dazu müssen die Passanten in die Innenstadt gebracht werden, die „Flanierfähigkeit“ hergestellt werden, so die Begrifflichkeiten des Workshops. Natürlich können manche Maßnahmen nicht sofort umgesetzt werden beziehungsweise die Wirkung wird teilweise erst Jahre nach der Umsetzung sichtbar. Die mögliche Verlängerung der Straßenbahn wird optimistisch betrachtet erst in 10 – 15 Jahren umsetzbar sein, eine Gestaltungssatzung mit Vorgaben für Fassaden und Außenbereichgestaltung oder ein Citymanagement, das durch Immobilien- und Leerstandsmanagement ein attraktives Innenstadtangebot entwicklen soll, entfalten ihre Sichtbarkeit erst Jahre nach der Festsetzung.

Besonders ausgiebig wurden von den Teilnehmern daher die Gelegenheiten zu Rückfragen und Diskussion im Plenum bei den Vorträgen zum Gutachten Nahversorgung in der Innenstadt und Machbarkeitsstudie Straßenbahn genutzt.

Die Aufarbeitung des Gutachtens zur Nahversorgung (Analyse zur Aufwertung des Innenstadtbereichs durch Einzelhandel und Gastronomie) im Rahmen des Workshops hatte die Koalition (CDU, GRÜNE, FWG) in der letzten Stadtverordnetenversammlung beantragt. Herr Kruse (Junker und Kruse) ist in seiner Vorstellung der Analyse auf die Herausforderungen des Einzelhandels in der Innenstadt eingegangen. Geringe Ladenflächen, Konkurrenz durch Filialisten im Isenburg Zentrum und Onlinehandel, geringe Aufenthaltsqualität in der Innenstadt, im Ergebnis Kaufkraftabflüsse in die Region. Die klare Empfehlung um dieser Entwicklung entgegenzuwirken lautet: Die Innenstadt könnte von einem Citymanager ‘gemanaged‘ werden, der sich um das Immobilien- und Leerstandsmanagement sowie die Entwicklung des Einzelhandelsangebot kümmert. Neben einem Marketingkonzept ist es erforderlich, den Innenstadtbereich durch stadtgestalterische Maßnahmen aufzuwerten. Dazu zählt Straßenmöblierung wie Sitzgelegenheiten, Pflastergestaltung, Grün durch Bäume, Sträucher, Blumen, Blau durch Brunnen, Wasserspiele, Wasserflächen. So können Aufenthaltsräume und auch Flanierflächen geschaffen werden. Der Innenstadtbereich soll dabei als zusammenhängend erkennbar werden, eine Verbindung von Altem Ort zur Fußgängerzone, dem Kulturbereich Hugenottenhalle bis hin zum neu entstehenden Stadtquartier Süd (Neue Welt) bilden. Dabei muss der Bereich nicht unbedingt gleichförmig gestaltet sein sondern kann durchaus verschiedene Zonen mit unterschiedlichen Nutzungsschwerpunkten darstellen, die trotzdem als Einheit wahrgenommen werden.

Diese Überlegungen wurde von Herrn Meier (traffiQ) in seinem Vortrag zur Machbarkeitsstudie Straßenbahn interessiert aufgegriffen. Ausgehend von einer ersten Potentialstudie zur Verlängerung der Straßenbahn (wir berichteten) von Frankfurt bis nach Dreieich oder Langen wurde nun eine Machbarkeitsstudie beauftragt die innerhalb von zwei Jahren die technischen Details klären, aber auch die Vereinbarkeit mit der Entwicklung des Einzelhandels in der Innenstadt untersuchen soll.

Die folgende Eckpunkte wurden durch einen früheren Koalitionsantrag von CDU, Grüne und FWG in den Umfang der Machbarkeitsstudie aufgenommen:

  • Auswirkungen auf den örtlichen Einzelhandel in Neu-Isenburg sind zu betrachten
  • Vor- und Nachteile eines oberleitungsfreien Betriebes der Straßenbahn im Stadtbereich sind zu untersuchen
  • Mögliche Standorte von Mobilitätsstationen sind zu definieren
  • Auswirkungen auf die Verkehrs- und Parkplatzsituation in Neu-Isenburg, sowie den Verkehrslärm sind darzustellen

Mit dem kürzlich in Frankfurt vorgestellten Straßenbahnwagen (neuer T-Wagen, 2022) steht bereits heute ein Fahrzeug zur Verfügung, dass für den oberleitungsfreien Betrieb umgerüstet und damit abschnittsweise mit Akku betrieben werden kann.

Bei der Beurteilung der Auswirkungen einer Straßenbahn auf den zentralen Innenstadtbereich soll auf die Erfahrungen aus Deutschland und ganz Europa zurückgegriffen werden. Was ist zu tun, was zu vermeiden bei der Gestaltung von:

  • Fahrbahn für den fließenden Verkehr
  • Flächen für Fuß- und Radverkehr
  • Haltestellenbereichen
  • Ladezonen
  • Flächen für Aufenthalt und Gastronomie
  • Stadtgrün

Eine gute Straßenbahnlösung, so die Schlussfolgerung, steht nicht in Konflikt mit der Aufenthaltsqualität und erschließt zusätzliche Kaufkraftpotentiale, eine schlechte Lösung vermindert die Aufenthaltsqualität, behindert den Individualverkehr, die Erreichbarkeit des Innenstadtbereichs und transportiert die Kaufkraft in die angeschlossenen Kommunen – im Fall Neu-Isenburgs wohl vor allem nach Frankfurt.

In allen Vorträgen des Workshops wurde immer wieder betont, dass für eine erfolgreiche Umsetzung des Gesamtprojekts Stadtumbau eine aktive Mitwirkung aller beteiligten Akteure (Einzelhändler, Gastronomen, Grundstückseigentümer, Bürger) von herausragender Bedeutung ist und die Verzahnung der verschiedenen Projekte mitgedacht und in der Lösungsfindung und der Kommunikation berücksichtigt werden muss. Die vielen Puzzleteile, die durch die Untersuchungen, Analysen und Studien nun auf dem Tisch liegen, müssen nun zu einem Gesamtbild des zukünftigen Innenstadtbereichs zusammengefügt, ein Masterplan entwickelt werden. Zum Abschluss des Workshops wurde darüber diskutiert, wie dieser Plan in der notwendigen Einbindung aller Abhängigkeiten erarbeitet werden kann und zum Thema des nächsten gemeinsamen Workshops am 16. Juli gemacht.

[Oliver Hatzfeld]

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